Wissenschaft + Forschung
Wissenschaft + Forschung

Wissenschaft und Forschung - die Promotionsforschung

Meine Promotionsforschung erscheint Ende Januar 2024 unter dem Titel: „Nationalsozialismus auf dem Dorf. Über lokale Herrschaft und ihre spätere Verdrängung" im transcriptverlag Bielefeld. Ich hatte die Forschung 2016 unter dem langen Arbeitstitel: „„Ausgrenzungsmechanismen zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und deren Verarbeitung in der Erinnerungskultur untersucht am Beispiel eines Dorfes am bayerischen Alpenrand“ an der LMU München angemeldet und danke der langjährigen fachlichen Betreuung durch Prof. Dr. J. Moser, Leiter des Instituts für Empirische Kulturwissenschaft/ Europäische Ethnologie.

Es sind zugespitzt zwei Fragen, denen ich nachging: Wie geschah Ausgrenzung auf Dorfebene in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur von 1933-1945? Und : Wie gestaltet sich die Erinnerung an die Opfer der Ausgrenzung in der Befragung von Zeitzeugen und in der Ortsgeschichtsschreibung nach 1945 bis heute? Die Fragestellungen beinhalten eine Fokussierung auf den Lebensbereich „Dorf“ als Face-to-face-Gesellschaft, und sind fokussiert auf Prozesse der Ausgrenzung.

Um die vorhandene Fülle an Daten unterschiedlicher Quellengattungen und unterschiedlicher Entstehungszeit auswerten zu können, entschied ich mich für die Methode der Grounded Theory nach Anselm Strauss. Diese fordert eine abschließende Antwort auf die Forschungsfrage, idealerweise in Form einer Theorie. Die Erweiterung des Foucault’schen Dispositiv‘s auf ein „Dispositiv der NS-Verfolgung“ beschreibt die Ergebnisse der Mikroforschung.

Ein Ergebnis ist, dass das Dorf als Face-to-face-Gesellschaft der sozialen Nähe, in der sich die Bewohner persönlich kennen, den idealen Nährboden für ein System der Kontrolle und Überwachung bot. Die Diktatur kam auch auf dem Dorf in vollem Umfang zur Umsetzung.
In der Erinnerungskultur wiederholt sich der Vorgang der Verdrängung, wenn die Opfer der NS-Diktatur weder in der lokalen Geschichtsschreibung, noch in der Erinnerung ihrer Zeitgenossen genannt werden. Die Erinnerungskultur offenbart die Wiederholung der Verdrängung und das Auslöschen der vorher durch NS-legitimierte Praxen verfolgte Personen nun in mentaler Ebene der Verdrängung, des Vergessens und Verschweigens.

Teil des Dispositivs der NS-Verfolgung ist die Täter-Opfer-Dichotomie. Täter-Opfer-Dichotomien bedeuten die Ausübung unterschiedlicher Handlungsmacht, sie bewegen sich auf geheimen und öffentlichen Ebenen der Kommunikation in Netzwerken, und sind in der Regel in bürokratische und juristische Abläufe eingebettet. Widerstand und Hilfe bewegen sich auf derselben Ebene wie die Verfolgung, Verdrängung, Ausgrenzung oder Entrechtung. Es sind Gegensätze, die wie Macht/Ohnmacht Spannungsfelder darstellen, die in Bewegung und ebenso Teil des Dispositivs sind. NS-Verfolgung führte zur extrem gut organisierten Gewaltanwendung gegen Menschengruppen und zur extremen, organisierten Kontrolle und Manipulation der „Volksgemeinschaft“. Diese Kennzeichen der Extreme sind im Modell des Dispostiv nicht direkt wiederzuerkennen, so wie auch die deutsche Gesellschaft einen „Alltag in der Zeit der Shoa“ lebte, das Massenmorden nicht direkt miterleben musste, um daran indirekt doch Teil zu sein. 

Nationalsozialismus auf dem Dorf

Maria Anna Willer
Nationalsozialismus auf dem Dorf

Über lokale NS-Herrschaft und ihre spätere Verdrängung

Die zahlreichen Schicksale der Verfolgten des Nationalsozialismus sind faktenreich belegt, stehen aber im Spannungsfeld zur regionalen Erinnerungskultur nach 1945. Was bedeuten diese Spannungen heute? Maria Anna Willer untersucht Strukturen und Prozesse der Ausgrenzung in der Face-to-Face-Gesellschaft eines Dorfes am bayrischen Alpenrand zur Zeit der NS-Herrschaft und beleuchtet dessen Erinnerungskultur. In Anlehnung an Foucault beschreibt sie im Modell eines »Dispositivs der NS-Verfolgung« die engmaschigen Strukturen der Kontrolle und Überwachung sowie Widerstand und Hilfeleistungen als Kategorien der NS-Diktatur auf dem Dorf. Es zeigt sich: Nach 1945 ist eine Kontinuität der Ausgrenzung erkennbar, wenn die Erinnerung an Opfer der NS-Verfolgung verdrängt wird.

Link zum Buch

Lehrauftrag der LMU München SoSe2024

Kulturbrille, Othering und Stigmatisierung. Vorurteilsforschung im Bildungssektor.

Vorurteile sind Elemente gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sie können zu massiver Diskriminierung führen, die manchmal institutionell verankert ist, toleriert wird oder Konflikte verursachen. Im Seminar untersuchen wir ihre Muster, Ursachen und Konsequenzen. Die gesellschaftliche Realität von Antiziganismus, Sexismus, Rassismus oder religiösen Vorurteilen findet sich auch im Bildungssektor. Das Seminar beinhaltet Literaturstudien der Vorurteilsforschung und zur Kulturgeschichte z.B. von Antiziganismus, Antisemitismus und Islamophobie.